Warum tu ich mir das an?
von Nicole Angela Buck
Das frag ich mich im Garten. Nicht im Büro.
Es sind die letzten Tage im August, gefühlt vierunddreißig Grad, und ich laufe mit dem Abflammgerät die Stufen und den Weg zu meinem Büroaufgang ab. Hitze von oben, Hitze aus der Düse. Das Unkraut in den Fugen sackt eins nach dem anderen in sich zusammen, der Schweiß läuft, und irgendwo zwischen der zwölften und der dreißigsten Platte kommt der Gedanke:
Warum tu ich mir das eigentlich an?
Da ist er. Der Satz, um den es in Célines Blogparade geht. Nur dass ich ihn nicht am Schreibtisch denke, sondern im Garten.
Das ist kein Ausweichen, das ist meine ehrliche Antwort.
Das erwartet Dich
Am Schreibtisch stellt sich die Frage nicht
1998, oder: die Heldengeschichte, die keine ist
Wo es bei mir wirklich nicht rundläuft
Corona war die einzige echte Prüfung
Der Preis, den ich nicht als Preis sehe
Was ich abgebe und was ich behalte
Was ich jemandem sagen würde, der gerade kurz vorm Aufgeben steht
Am Schreibtisch stellt sich die Frage nicht
Céline fragt nach dem Moment, in dem man am liebsten alles hingeschmissen hätte. Ich hab lange überlegt. Und ich muss zugeben: Den gab es nicht.
Geflucht hab ich. Reichlich. Aber wirklich den Schlüssel umdrehen, das Gewerbe abmelden und mir eine Anstellung suchen, das war nie eine ernsthafte Option. Nicht einmal. Der einzige Moment, in dem ich schon mal kurz an den Schlüssel gedacht hab, kommt nicht von Kunden und nicht von schlechten Monaten, sondern von der Bürokratie. Wenn mir da mal wieder jemand blöd kommt, dann denke ich schon: Jetzt reicht's. Aber das hält ungefähr so lange, wie das Formular auf dem Schreibtisch liegt.
Was ich dagegen sehr gut kenne, ist ein anderer Moment. Der ist kleiner, kommt öfter und sieht so aus:
Morgens im Büro, alles liegt da. Der Kunde, der bis Donnerstag was braucht, der Kurs, der vorbereitet werden will, die Rechnung, die geschrieben gehört, und der Text, der seit Tagen halbfertig rumliegt. Und ich sitze davor und weiß schlicht und ergreifend nicht, wo ich anfangen soll. Was zuerst, was kann warten, was ist wirklich dringend und was fühlt sich nur so an.
Das ist der Moment, in dem ich mich frage, warum ich mir das antue.
Und dann fang ich irgendwo an. Egal wo, Hauptsache angefangen. Ab da geht es, Stück für Stück, eins nach dem anderen, und am Abend ist mehr weg, als ich morgens für möglich gehalten hätte. Es ist nie die Arbeit, die mich lähmt. Es ist immer nur der Anfang.
1998, oder: die Heldengeschichte, die keine ist
Ich hab mein Gewerbe am 7. Mai 1998 angemeldet. Gegen Ende meines Studiums, noch zu Hause wohnend, erstes Büro in der Einliegerwohnung meiner Eltern.
Das klingt nach Mut. War es aber nicht besonders.
Ich wollte unabhängig sein, in irgendeiner Art und Weise, und ich wollte es einfach mal versuchen. Meinen ersten Kunden hatte ich da gerade. In den Semesterferien war ich Praktikantin bei der Volksbank Esslingen, und ein halbes Jahr später kam die Frage, ob ich nicht ein Projekt übernehmen will. Der Vorstand hat mich damals bestärkt. Ohne diese Frage und ohne dieses Zutrauen hätte ich vielleicht noch ein, zwei Jahre gewartet.
Und wenn es nicht funktioniert hätte? Dann wären ein, zwei Jahre weg gewesen und sonst nichts. Danach hätte ich mir immer noch einen Job suchen können. Der Boden war weich. Ich bin nicht gesprungen, ich hab einen Schritt gemacht und geschaut, was passiert.
Der Moment, der tatsächlich etwas gekostet hat, kam später. 2000 und 2001 haben wir gebaut, ich bin ausgezogen, und plötzlich hatte ich mein eigenes Büro und meine eigene Wohnung. Und jeden Monat wurden Zinsen abgebucht. Viele Zinsen. Der Zinssatz hatte damals eine Sieben vor dem Komma.
Da war der weiche Boden weg.
Und weil das zur Ehrlichkeit gehört: Ich hab mich auch in dieser Zeit nie gefragt, was morgen auf den Tisch kommt. So schlimm war es nie. Aber ich war manchmal auch nicht ganz unglücklich über das Taschengeld von meiner Oma.
Das schreibt man nicht so gern hin, wenn man achtundzwanzig Jahre später als Expertin unterwegs ist. Es ist trotzdem wahr.
2008 kam dann die Umwandlung in die GmbH, zeitweise waren wir acht Leute, und irgendwann hab ich bewusst wieder schlank gemacht.
Wo es bei mir wirklich nicht rundläuft
Wenn ich schon keine Krise zu bieten hab, dann wenigstens das hier.
Ich bin KI-Trainerin. Ich halte Workshops über Systeme und Struktur. „Struktur vor Masse" ist einer meiner Standardsätze, seit Jahren. Und mein eigener Blog stand sechsundsiebzig Artikel lang völlig ohne Ordnung da. Keine Kategorie, keine Struktur, nichts. Die Aufgabe stand ein Jahr lang auf meiner Liste. Ein ganzes Jahr.
Es ist ja nicht so, dass ich es nicht gekonnt hätte.
Und das ist nicht die einzige Stelle. Als ich 2023 mit KI angefangen hab, war ich eine Zeit lang tool-süchtig. Jedes neue Ding ausprobiert, das irgendwo aufploppte, und mich dabei selbst verzettelt. Dann die Community rund um meine Kurse: Die gibt es nicht mehr. Es waren halt zu wenige, die wirklich mitmachen wollten, und irgendwann hab ich das auch so gesagt, statt sie stillschweigend einschlafen zu lassen. Und wenn ich meine eigenen Prompts von vor zwei Jahren lese, ist mir das ziemlich unangenehm.
Genau da läuft es bei mir nicht rund. Nicht an der Existenzfrage, sondern an dem Abstand zwischen dem, was ich anderen zeige, und dem, was ich bei mir selbst monatelang liegen lasse.
Corona war die einzige echte Prüfung
Da wurde es dünn. Kunden fielen weg, Aufträge wurden verschoben, und plötzlich war der Kalender leer, der sonst immer zu voll war.
Was mich getragen hat, waren zwei Dinge:
- Meine Kundenstruktur: Medizin, Dienstleistung, Handel, Handwerk, Metzgereien. Wenn ein Bereich einbricht, brechen nicht alle ein.
- Reserven, die so gefüllt waren, dass ich nachts ruhig schlafen konnte, auch wenn ich tagsüber deutlich weniger zu tun hatte.
Dazu kam mein Umfeld. Freunde, meine Eltern. Vielen ging es damals nicht gut, und trotzdem war Unterkriegenlassen keine Option. Ich hab in der Zeit angefangen zu überlegen, wie ich mein Angebot erweitern könnte, und da kamen Onlinekurse ins Bild.
Und dann gab es ja diese Aufräum-Welle. Alle haben den Keller ausgeräumt, die Küche entrümpelt, Schränke sortiert. Sechs Jahre später darf ich verraten: Mein Keller ist noch immer nicht ausgeräumt. Aufgeräumt schon, um Gottes willen. Aber diese große Aktion, die hab ich einfach nicht mitgemacht.
Der Preis, den ich nicht als Preis sehe
Céline fragt, welchen Preis ich für die Selbstständigkeit zahle. Und da komm ich ins Stocken, weil ich das nicht als Preis empfinde.
Klar bleibt mal was liegen. Die Geschichte von der roten Lederjacke, die ich nicht gekauft hab, weil ein Post wichtiger war, hab ich hier schon mal erzählt.
Und natürlich könnte ich jeden Tag um siebzehn Uhr Feierabend machen. Keine Abendtermine, keine Kurse, keine Weiterbildungen.
Nur wird es dann ganz schön langweilig. Und wenn ich das zu Ende denke, wird es sogar absurd. Ohne Selbstständigkeit kein Büro. Ohne Büro kein Platz für die Teile meiner Lego-Stadt, die dort stehen. Also müsste ich mir ein Hobby suchen, das ausschließlich Zeit verbraucht. Vielleicht würde ich dann Sport treiben und hätte vierundachtzig Paar Turnschuhe im Flur stehen. Unvorstellbar. Absolut nicht meins.
Vielleicht hätte das Unkraut dann weniger Chancen.
Aber da sind wir wieder bei der Frage: Warum tu ich mir das an?
Was ich abgebe und was ich behalte
Ich hab einen Gärtner. Der kommt ein-, maximal zweimal im Jahr für das Große.
Das Unkraut wächst allerdings schneller, als der Gärtner kommt. Zwischen zwei Terminen liegen Monate, und in dieser Zeit macht sich alles breit, was sich breitmachen kann, vor allem zwischen den Platten. Also stehe ich da mit dem Abflammgerät. Verbrannt wird dabei übrigens gar nichts, die Hitze macht das Unkraut nur kaputt, und ein paar Tage später kommt der zweite Durchgang, dann wird gezogen. Und ehrlich gesagt ist das der Teil, den ich sowieso nicht hergeben würde. Abfackeln macht Spaß.
Die große Hecke dagegen hab ich abgegeben. Auf Blasen an den Händen von der Heckenschere hab ich schlicht keine Lust mehr. Auf meiner Terrasse schneide ich noch selbst, je nachdem, wie viel Zeit ich hab. Mal gucken, was der Herbst bringt.
In meiner Küche läuft es genau andersrum. Da wird nichts abgegeben. In meinem Backofen war in über fünfundzwanzig Jahren noch nie eine Fertigpizza, und ich koche jeden Tag. Das ist mein Ausgleich, der Teil des Tages, an dem der Kopf endlich mal was anderes macht. Fischstäbchen und Kroketten liegen natürlich trotzdem im Gefrierfach, so wie bei allen anderen auch.
Und genau nach diesem Muster arbeite ich auch. Ich gebe ab, was nur Zeit frisst. Ich behalte, was Freude macht oder wo mein Kopf gebraucht wird. Die Maschine macht die Bahn frei, das Wiederkehrende, die Grundlage. Die Fugen mach ich danach immer noch selbst.
Deshalb stelle ich die Frage im Garten und nicht am Schreibtisch. Nicht weil im Büro alles leicht wäre, sondern weil ich dort weiß, wofür ich es tue. Ich würde meine Kunden vermissen, den Austausch, die ToDos, mein Büro. Eigentlich alles. Manche Kunden hab ich seit dem ersten Tag, und das ist mir Zeugnis genug.
Was ich jemandem sagen würde, der gerade kurz vorm Aufgeben steht
Aufgeben ist keine Option. Zumindest für mich war es das nie.
Mit Frust wird nichts anders. Wenn der Kopf gerade keine gute Idee hergibt, dann mach ich eben etwas anderes und schiebe die Kreativarbeit nach hinten. Es geht immer weiter, und es darf mit Freude weitergehen. Was man liebt, geht einfacher von der Hand, als wenn man es jeden Tag schief anschaut und sich fragt, warum man das jetzt schon wieder machen muss.
Und wenn Du Dich beim Arbeiten ständig fragst, warum Du Dir das antust, dann ist das vielleicht gar keine Sinnfrage. Vielleicht ist es nur die falsche Aufgabe an der falschen Stelle. Schau mal, was davon jemand anderes machen könnte. Oder eine Maschine.
Ich geh dann mal. Das Abflammgerät wartet, und in ein paar Tagen zieh ich raus, was übrig ist.
Frag mich in einer halben Stunde nochmal, warum ich mir das antue.
Du redest Gold -
und postest nichts.
Du weißt, was Du sagen willst. Aber sobald Du tippst, klingt es nach niemandem. Zu glatt. Zu generisch. Zu sehr nach KI, aber nicht nach Dir und Deiner Handschrift:
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Quelle: Meine Erfahrungen und der Dialog mit Claude. Die Bilder sind mit Midjourney und fal.ai generiert.
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